
Die Entstehung des Englischen Vollblutes
Einleitung
Das Englische Vollblut stellt eine der bedeutendsten und einflussreichsten Pferderassen der Welt dar. Es bildet die Grundlage des modernen Galopprennsports und hat die Zucht zahlreicher weiterer Pferderassen nachhaltig geprägt. Die Entstehung des Englischen Vollblutes ist das Ergebnis gezielter Zuchtmaßnahmen im England des 17. und 18. Jahrhunderts, bei denen genetische Selektion, sportliche Anforderungen und gesellschaftliche Entwicklungen eng miteinander verknüpft waren.
Historischer Hintergrund
Im England der frühen Neuzeit gewann der Pferderennsport zunehmend an Bedeutung, insbesondere unter Adel und wohlhabendem Bürgertum. Pferderennen entwickelten sich von regionalen Wettkämpfen zu organisierten sportlichen Veranstaltungen mit festen Regeln. Die Nachfrage nach schnellen, ausdauernden und leistungsfähigen Pferden führte zu systematischen Zuchtbemühungen. Ziel war es, ein Pferd zu schaffen, das sowohl hohe Geschwindigkeit als auch Durchhaltevermögen über längere Distanzen aufwies.
Zuchtgrundlage und genetische Ursprünge
Die Entstehung des Englischen Vollblutes basiert im Wesentlichen auf der Kreuzung einheimischer englischer Stuten mit orientalischen Hengsten. Besonders hervorzuheben sind drei Hengste, die als Stammväter der Rasse gelten:
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Byerley Turk (um 1680),
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Darley Arabian (um 1700),
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Godolphin Arabian (um 1724).
Diese Hengste stammten vermutlich aus dem arabischen bzw. orientalischen Raum und zeichneten sich durch Schnelligkeit, Eleganz und hohe Leistungsbereitschaft aus. Die einheimischen Stuten brachten Robustheit und Anpassungsfähigkeit an das britische Klima ein. Durch gezielte Anpaarung und strenge Selektion entstand eine relativ homogene Population leistungsstarker Pferde.
Bedeutung der Stutenfamilien
Während die frühen Zuchtlinien des Englischen Vollblutes häufig über die berühmten Stammhengste definiert werden, kommt den Stutenfamilien eine ebenso zentrale, wenn auch lange unterschätzte Rolle zu. Stutenfamilien werden über die maternale Linie (Mutter–Großmutter–Urgroßmutter usw.) definiert und bilden die genetische Grundlage für viele leistungsrelevante Eigenschaften. Da die mitochondriale DNA ausschließlich über die Mutter vererbt wird, besitzen Stutenfamilien eine besondere Bedeutung für Stoffwechsel, Ausdauerleistung und Energieeffizienz (Bower et al. 2012).
Historische Erfassung der Stutenfamilien
Die systematische Erfassung der Stutenfamilien geht auf das General Stud Book zurück. James Weatherby ordnete die ursprünglichen Zuchtstuten in sogenannte Foundation Mares (Gründerstuten) ein. Auf dieser Basis entstand die bis heute gebräuchliche Klassifikation der Nummern-Stutenfamilien (z. B. Familie 1, 2, 3 usw.). Insgesamt werden etwa 74 ursprüngliche Stutenfamilien anerkannt, wobei einige wenige Familien einen besonders hohen Einfluss auf die moderne Vollblutzucht ausüben (Weatherby 1791; Willett 1980).
Leistungsrelevanz und züchterische Bedeutung
Zahlreiche erfolgreiche Rennpferde lassen sich auf bestimmte Stutenfamilien zurückführen, was auf eine Konzentration leistungsfördernder genetischer Merkmale hinweist. Besonders die Stutenfamilien 1, 2, 3 und 8 gelten als überdurchschnittlich erfolgreich und haben zahlreiche klassische Sieger hervorgebracht. Züchter berücksichtigen die Zugehörigkeit zu einer etablierten Stutenfamilie daher gezielt bei Anpaarungsentscheidungen, um Leistungsstärke, Konstanz und Vererbungssicherheit zu erhöhen (Bowling & Ruvinsky 2000).
Moderne genetische Forschung
Moderne molekulargenetische Untersuchungen bestätigen die historische Einteilung der Stutenfamilien weitgehend. Analysen der mitochondrialen DNA zeigen, dass viele der im 18. Jahrhundert definierten Stutenfamilien tatsächlich genetisch unterscheidbar sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass einige historisch getrennte Familien genetisch eng verwandt sind, was auf unvollständige oder fehlerhafte frühe Aufzeichnungen hinweist (Bower et al. 2012). Dennoch bleibt die Klassifikation der Stutenfamilien ein zentrales Instrument der Vollblutzucht.
Zusammenfassung
Die Stutenfamilien des Englischen Vollblutes stellen eine tragende Säule der Rasseentwicklung dar. Sie sichern die Kontinuität leistungsrelevanter genetischer Merkmale über Generationen hinweg und ergänzen die hengstbasierten Abstammungslinien. In Verbindung mit moderner Genetik bilden sie bis heute eine wesentliche Grundlage für erfolgreiche züchterische Entscheidungen.
Systematisierung der Zucht
Ein entscheidender Schritt in der Entwicklung des Englischen Vollblutes war die Einführung eines verbindlichen Zuchtbuches.
1791 erschien erstmals das General Stud Book, in dem alle als reinrassig anerkannten Pferde registriert wurden. Nur Pferde, deren Abstammung lückenlos auf die ursprünglichen Zuchtlinien zurückgeführt werden konnte, durften fortan als Englisches Vollblut gelten. Diese Maßnahme führte zu einem genetischen Abschluß der Rasse und legte den Grundstein für ihre bis heute gültige Definition.
Leistungsorientierte Selektion
Die Zucht des Englischen Vollblutes war von Beginn an stark leistungsorientiert. Rennleistungen galten als zentrales Kriterium für die Zuchtzulassung. Pferde, die im Galopprennsport erfolgreich waren, wurden bevorzugt zur Zucht eingesetzt. Dadurch kam es zu einer gezielten Verstärkung von Merkmalen wie Schnelligkeit, langer Galoppaktion, hoher Sauerstoffaufnahme und psychischer Belastbarkeit.
Bedeutung und Einfluss
Im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Englische Vollblut weltweit. Es wurde nicht nur für den Rennsport gezüchtet, sondern auch zur Veredelung zahlreicher anderer Pferderassen eingesetzt. Bis heute gilt das Englische Vollblut als eine der genetisch einflussreichsten Pferderassen überhaupt.
Schlussbetrachtung
Die Entstehung des Englischen Vollblutes ist ein Beispiel für frühzeitige, systematische Tierzucht auf wissenschaftlich nachvollziehbarer Grundlage. Durch die Kombination orientalischer Blutlinien mit einheimischen Stuten, die Einführung eines geschlossenen Zuchtbuches und konsequente Leistungsselektion entstand eine Rasse, die den Pferdesport nachhaltig geprägt hat. Das Englische Vollblut verkörpert damit sowohl ein kulturhistorisches als auch ein züchterisches Erfolgsmodell.
Literaturverzeichnis
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Bower, M. A. et al. (2011): The genetic origin of the Thoroughbred racehorse. Nature Communications, 2:643.
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Bower, M. A. et al. (2012): Maternal inheritance and mitochondrial DNA variation in Thoroughbred horses. PLoS ONE.
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Bowling, A. T.; Ruvinsky, A. (2000): The Genetics of the Horse. CABI Publishing, Wallingford.
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Hill, E. W. et al. (2010): A sequence polymorphism in MSTN predicts sprinting ability and racing stamina in Thoroughbred horses. PLoS ONE.
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Weatherby, J. (1791): General Stud Book. London.
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Willett, P. (1980): An Introduction to the Thoroughbred. Paul Publications, London.

